aus der Heilbronner Stimme vom 25.11.2011
von Mitarbeiterin Ute Knödler
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Der Wegfall der Grundschulempfehlung im nächsten Jahr bereitet Roland Gärtner Kopfzerbrechen. "Wie geht es weiter mit der Hauptschule in Flein?", fragt sich der Schulleiter der St. Veit-Schule. Er befürchtet, dass die Eltern ihre Kinder in der Realschule anmelden. Viele Überlegungen gibt es zurzeit. In das Thema Gemeinschaftsschule hat jetzt der Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Peter Struck aus Hamburg einen Einblick gegeben. Eine Kooperation mit Heilbronn ist ein anderer Gedanke. "Der Träger (die Gemeinde) führt Gespräche in alle Richtungen", sagt Gärtner. Die Talheimer Hauptschule erhielt vor Jahren eine Absage in Sachen Zusammenarbeit. Dass die St. Veit-Schule − 330 Schüler, 75 ab Klasse 5 − nicht Werkrealschule neuen Typs werden kann, habe ihr keinen Abbruch getan, berichtet Gärtner. "Das musische Profil hat unsere Hauptschule gestärkt. Wir haben mittlerweile auch Schüler von außerhalb", erklärt er. Hirnforschung Spannend und sehr unterhaltsam trug Peter Struck vor, wie die Ergebnisse aus der Hirnforschung in der Schule umgesetzt werden könnten. Drei Stunden lang hörten die rund 100 Besucher, fast die Hälfte darunter waren Pädagogen, interessiert zu. "Wenn wir nichts ändern, werden Jungs immer mehr scheitern", betonte Struck. Frauen hätten einen Vorteil beim Zuhören, Männer einen besseren Orientierungssinn. Jedoch seien das weibliche und das männliche Gehirn gleich gebaut. Nur zehn Prozent des Organs seien für das Zuhören zuständig. Jungen würden mehr durch Ausprobieren lernen. "Alle Menschen lernen am besten durch Handeln, Ausprobieren und Fehler machen sowie einfach nebenbei", betonte der Hamburger. 90 Prozent der Jungen und 40 Prozent der Mädchen könnten nur so lernen. Deshalb forderte er jahrgangsübergreifendes Lernen. "Schüler lernen von anderen Schülern doppelt so viel wie vom besten Lehrer", meinte Struck. Er prangerte die deutsche Beschämungskultur an. "Unsere Kinder erleben zu viele Niederlagen." Dazu zählte er Sitzenbleiben, zu viel rote Tinte, Armut, Migration, Arbeitslosigkeit oder Scheidung der Eltern. Noten empfiehlt er erst ab 14 Jahren. Bewegung und Musik hält er fürs Lernen sehr wichtig. Ein weiteres Problem sieht Struck in der Fächeraufteilung, die das vernetzte Denken behindern würde. "Wir müssen weniger Wissen und dafür mehr Können vermitteln", sagte er und nannte Schlüsselqualifikationen wie Selbstständigkeit, Team- oder Konfliktfähigkeit, Kreativität, Flexibilität und die Erkundungsstärke. Tiefschlafphase Struck sprach von zwei Lernphasen am Tag: für Kinder bis 13 Jahren zwischen 8 und10 Uhr sowie zwischen 14 und 16 Uhr, für Ältere zwischen 10 und 12 sowie von 15 bis 17 Uhr. "Unsere Jugendlichen müssen innerhalb ihrer zweiten Tiefschlafphase, die bis 8.30 Uhr dauert, aufstehen. Die ist aber extrem wichtig für das Lernen." Die Gemeinschaftsschule kann sich der Erziehungswissenschaftler nur als Ganztagsschule vorstellen. Reinhilde Harst war skeptisch: Die Elternbeirätin sah nach dem Vortrag die Gemeinschaftsschule in einem neuen Licht. Die Lernrhythmen oder das andere Vokabeln-Lernen sprachen sie an. "Die Gemeinschaftsschule könnte eine Chance sein", meinte sie. Die ganzheitliche Sicht auf das Kind gefiel Thomas Rücker beim Konzept. |
So unbeschwert, sie die Schüler in der Pause spielen, ist Schulleitung und Träger wohl nicht zumute. Sie fragen sich, wie es weiter geht. Foto: Ute Knödler |
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Prof. Dr. Peter Struck
Universität Hamburg Curriculum vitaeProf. Dr. Peter Struck, geb. 1942, war fast zehn Jahre Volks- und Realschullehrer und danach vier Jahre lang Schulgestalter in der Behörde für Schule, Jugend und Berufsbildung in Hamburg. Seit 1979 hat er eine Professur für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Sozial- und Schulpädagogik, Bildungspolitik, Jugendforschung, Gewaltpräventition, Familienerziehung und Medienerziehung. Er ist Autor zahlreicher Bücher und ein brillianter Redner. Hier gibt es weitere Infos:
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Im Jahr 2002 war Professor Peter Struck schon einmal in Flein:
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Die 15 Gebote des Lernens Schule auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule
In Baden-Württemberg soll das bisherige Schulsystem mit der Einführung der Gemeinschaftsschule weiterentwickelt werden. Dadurch verspricht man sich mehr soziale Gerechtigkeit, bessere Leistungen und eine individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler entsprechend ihren Voraussetzungen, Fähigkeiten und Interessen.
Schon seit langem fordert Professor Dr. Peter Struck, Dozent an der Universität Hamburg, mehr gemeinsames Lernen. Dafür sprechen auch neue Erkenntnisse der Gehirnforschung und deren Auswirkungen auf den Schulalltag. Diese stellt Professor Peter Struck in einem interessanten Vortrag an der St.-Veit-Schule in Flein vor, zu dem herzlich eingeladen wird:
Die 15 Gebote des Lernens Schule auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule
Mittwoch, 23. November 2011 20 Uhr Musiksaal der St.-Veit-Schule Flein
Der Erziehungswissenschaftler Professor Dr. Peter Struck hat Pädagogik, Biologie und Kriminologie studiert. Er war zehn Jahre lang Volks- und Realschullehrer. Seit 1979 hat er eine Professur für Erziehungswissenschaft mit den Schwerpunkten Sozial- und Schulpolitik, Jugendforschung, Familienerziehung und Medienpädagogik. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu pädagogischen Themen, ist als Erziehungsexperte in den Medien gefragt und kann als brillanter Redner seine Ideen vermitteln.
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Hirnströme und Lernwege Die 15 Gebote des Lernens aus den Fleiner Nachrichten vom 7.12.2011
Über 100 Besucher hatten sich in der vergangenen Woche im Musiksaal der St.-Veit-Schule eingefunden, um den Vortrag von Professor Dr. Peter Struck von der Universität Hamburg zu hören. Fast drei Stunden lang fesselte er die Zuhörer mit Fakten, Zahlen und vielen konkreten Beispielen aus dem Alltag und der Gehirnforschung zum Thema Bildung. Dabei stand immer im Mittelpunkt die Frage, wie man das Lernen unter den heutigen Bedingungen nachhaltiger gestalten könne. Als einer der nicht mehr zeitgemäßen Unterrichtsformen nannte Professor Peter Stuck den Frontalunterricht. Dabei würden nur kleine Teile des Gehirns benutzt und das Neugelernte sei schnell vergessen. Viel besser sei es, wenn alle Sinne ins Lernen eingebunden werden. Struck nennt es „szenisches“ Lernen. Dabei interagieren die Schüler und werden selbst Teil des Lernprozesses: Etwas selber zu sagen und selber zu tun, steigere die Gedächtnisleistung zum das bis zu Vierfache, erläuterte der Redner. Vorbild für diese Art des Lernens ist die „Primaria Schule“ in der Schweiz, für viele Experten die erfolgreichste Schule. Hier lernen die Kinder ab dem vierten Lebensjahr jahrgangsübergreifend zusammen, es gibt keine Klassen und altersbedingte Abgrenzungen. Der Lehrer hat mehr eine beratende Funktion: Er stellt das Unterrichtsmaterial zur Verfügung und überlässt es der Neugier der Kinder, sich das Wissen anzueignen. Dabei entstehe ein Klima zwischen Freiheit und Verantwortung. Ein weiteres Erfolgsprinzip der Primaria ist das gemeinsame Lernen verschiedener Altersgruppen: Die Jüngeren lernen von den Älteren, während diese wiederum durch das Erklären selbst Fortschritte machen. Dies ist für Struck essentiell, da man zu zweit nachgewiesenermaßen deutlich bessere Fortschritte machen kann. Auch das Schulsystem in Finnland hält der Bildungsexperte für vorbildlich, da dort Individualität und die Freiheit gefördert werden. So haben die Finnen das Sitzenbleiben abgeschafft; in Strucks Augen ein wichtiger Schritt, da dies die Lehrer dazu zwingt, sich mehr mit jedem einzelnen Schüler auseinanderzusetzen. Was kann nun eine Schule konkret tun, um eine gute Schule zu werden? Neben einer starken Schulleiterpersönlichkeit fordert Struck ein Kollegium, das sich gegenseitig bei den Lehraufgaben unterstützt. Schulprofile und Schulprogramme können helfen, der Schule eine Richtung zu geben und die Schüler zu motivieren. Wenn Noten keine so große Bedeutung zugemessen wird, sei ein angenehmeres Lernen möglich. Auch sollte der Schulalltag besser auf den biologischen Rhythmus der Kinder abgestimmt werden. So sollte die Schule später anfangen und aufhören und im Sinne einer guten Rhythmisierung sollen auf geistig anstrengende Fächer wie Mathe oder Physik sportliche oder musische Tätigkeiten folgen. Ganztagesschulen eignen sich nach Meinung von Professor Struck dazu ganz besonders. Die Herausforderung beginnt aber schon zu Hause: Durch Medien seien die Kinder dauernd Reizen ausgesetzt, die ihre Wahrnehmungsschwelle stark herabsetzen und ihre Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen. Struck forderte die Eltern auf, ihre Kinder auf andere Art und Weise zu beschäftigen.
In einer Pädagogischen Konferenz am Nachmittag hatte sich das Lehrerkollegium der St.-Veit-Schule mit den Thesen von Professor Peter Struck auseinandergesetzt. Man stellte fest, dass manche der Forderungen schon umgesetzt werden, viele andere Punkte aber nur durch ein gemeinsames Miteinander von Eltern und Schule langfristig geändert werden können. Spannend bleibt die Frage, ob das Arbeiten einer Gemeinschaftsschule dazu beitragen wird, ein unter den heutigen Bedingungen nachhaltiges Lernen effektiver zu ermöglichen.
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